MACHT INZEST UND DAS SHAKESPEARE RAETSEL

Gottfried Distl besuchte Roland Emmerich im Studio Babelsberg, der dort seinen neuen Film „Anonymous“ dreht, mit Vanessa Redgrave, Joely Richardson, Rhys Ifans, David Thewlis, Rafe Spall und Mark Rylance.

Zwei Sensationen gibt es von der Roland-Emmerich-Front zu vermelden. Erstens: Der Hollywood-Deutsche dreht endlich einmal in seiner deutschen Heimat, im legendären Filmstudio Babelsberg bei Berlin! Und zweitens: Der berüchtigte „Master of Disaster“ dreht zur Abwechslung einmal keinen Weltuntergangs-Film. Obwohl, sein neues Projekt Anonymous könnte auch als „Weltuntergangs-Film“ empfunden werden, aber nur von Geschichts- und Englischlehrern, die mit dem BBC-Autor Michael Wood glauben, dass jener William Shakespeare, der am 23. April 1564 in Stratford-upon-Avon in Warwickshire zur Welt kam und am 23. April 1616 ebenda starb, alle Shakespeare-Werke selbst verfasste.
Roland Emmerich beruft sich auf Größen wie Sigmund Freud, Orson Wells, Charlie Chaplin, Mark Twain, Ralph Waldo Emerson, Walt Whitman, Sir John Gielgud oder Mark Rylance, die bezweifeln, dass ein einfacher Mann ohne Bildung, der vielleicht nicht einmal lesen und schreiben konnte, die 37 genialen Theaterstücke und 154 Sonette hätte verfassen können.
Bereits im Jahr 1920 veröffentlichte ein gewisser J.T. Looney das Buch „Shakespeare Identified“, in dem er behauptete, dass in Wahrheit alle Shakespeare-Werke von Edward de Vere, dem Earl of Oxford geschrieben wurden. Und das beweist jetzt auch ein Nachkomme dieses Edward de Vere, Mister Charles Beauclerk in seinem Buch „Shakespeare’s Lost Kingdom – The True History of Shakespeare and Elizabeth“.
Mit Elizabeth, der 1533 geborenen Tochter Heinrichs VIII. und dessen zweiter Frau Anne Boleyn, die 1558 bzw. am 15. Jänner 1559 zur englischen Königin gekrönt wurde, kommen politische Brisanz und sogar Inzest in das Shakespeare-Rätsel.
Die englische Königin Elizabeth I. kam in Zeiten großer politischer Unruhen auf den Thron und präsentierte sich als ewige Jungfrau, das heißt, als Frau ohne Kinder, auf diese Art wollte sie verhindern, dass während ihrer Regentschaft ein Kampf um ihre Nachfolge ausbricht. Nun soll nach neueren Erkenntnissen der Earl of Oxford nicht nur ihr heimlicher Sohn gewesen sein, sondern später auch ihr heimlicher Liebhaber! Und die beiden sollen darüber hinaus noch gemeinsam ein heimliches Kind gezeugt haben: den Earl of Southampton, der damit als Nachkomme der Königin Anspruch auf den Thron gehabt hätte, im Zuge der Essex-Rebellion aber im Gefängnis landete.
Verschwörungstheorien oder historische Wahrheit?
Roland Emmerich bezeichnet seinen neuen Film Anonymous auf jeden Fall als „Polit-Thriller“, der von „Bastarden und Inzest“ handelt.
Und warum hätte ausgerechnet dieser Earl of Oxford alle Shakespeare-Werke verfassen sollen – und das auch noch anonym?
Weil er als Adliger nicht als Stückeschreiber hervortreten konnte, denn erstens war Theater zur Shakespeare-Zeit nicht so angesehen wie heute, sondern entweder verpönt oder gar verboten, und zweitens wäre er vom herrschenden Aristokraten-Stand als Verräter verfolgt worden, weil er in König Lear, Macbeth oder Henry V Interna aus den adligen Machtspielen ausplauderte, die das „gemeine Volk“ nicht erfahren sollte. Deshalb wurde dieser Shakespeare aus Stratford als Autor vorgeschoben, der diese Stücke aus reiner Imagination heraus geschaffen haben soll, obwohl er selbst nie in den Ländern war, in denen die Stücke spielten und obwohl er keine Universitäts-Bildung hatte. Der Earl of Oxford dagegen bereiste Italien, kannte Land, Leute und Kultur der Schauplätze von Romeo & Julia oder Der Kaufmann von Venedig also bestens und die Hamlet-Tragödie soll er sogar am eigenen Leib erlitten haben, mit seinem Schwiegervater William Cecil als Polonius, seiner Tochter Anne Cecil als Ophelia und der Königin als Vorbild für Gertrude. Oxfords Spitzname war auf jeden Fall „Spear Shaker“.
„Es geht im Anonymous-Film aber nicht primär um die Frage, wer die Shakespeare-Werke wirklich verfasste, was aus meiner Sicht gar nicht so wichtig ist, denn das schmälert nicht ihre Größe, sondern vor allem darum, wie künstlerisches Schaffen in einer totalitären Gesellschaft, die England zur Shakespeare-Zeit ja war, entstehen kann“, sagt John Orloff, der mit Roland Emmerich das Drehbuch schrieb – „Es gab bis zu 20 Fassungen, bis es passte“, ergänzt Emmerich grinsend. Und Emmerich wehrt sich gegen Angriffe kritischer Journalisten: „Ich mache nicht nur Filme über den Weltuntergang, ich habe auch Der Patriot gedreht.“
Tatsächlich war Emmerich mit Der Patriot und seinem Hauptdarsteller Mel Gibson vor zehn Jahren tatsächlich ein starker Geschichtsfilm über den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg gelungen. Und so penibel wie damals ringt er auch jetzt um die historisch genaue Darstellung des elisabethanischen London. Dabei helfen ihm die Special-Effects-Virtuosen Volker Engel und Marc Weigert, die schon bei Emmerichs letztem Film 2012 für die Spezialeffekte zuständig waren.
„Wir haben 30.000 Fotos von historischen Bauten in England gemacht“, sagt Volker Engel, der mit Roland Emmerich seit 22 Jahren zusammenarbeitet. „Daraus zaubern wir digital 3D-Modelle des alten London, St. Pauls, die Tower Bridge usw., wie es aussah, bevor London im 17. Jahrhundert abbrannte.“
Auf meine Frage, ob man sich bei den Kulissen des Globe- oder Rose-Theaters am Film Shakespeare in Love orientierte, antwortete der für die Bauten zuständige Sebastian Krawinkel: „Wir haben uns alles angeschaut, aber bei Shakespeare in Love sieht man nur Nahaufnahmen, Roland will dagegen schöne Weitaufnahmen, damit man London im Großen sieht und damit alles lebendig und authentisch wirkt, das bedeutet viel Kleinarbeit.“
Vanessa Redgrave, deren Vater ein angesehener Shakespeare-Darsteller war, spielt Königin Elizabeth in späten Jahren, ihre Tochter Joely Richardson verwandelt sich in die junge Elizabeth. Rhys Ifans (demnächst auch in Harry Potter and the Deathly Hallows als Luna Lovegoods Vater Xenophililus Lovegood zu sehen) spielt den Earl of Oxford. Rafe Spall, der Sohn von Timothy Spall, spielt William Shakespeare, und David Thewlis scherzte über seine Rolle des William Cecil: „Ich spiele den Mann, der in Wirklichkeit alles schrieb, was Shakespeare verfasst haben soll.“
Shakespeare oder Nicht Shakespeare: das ist hier die Frage.


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