MICHAEL JACKSONS THIS IS IT

Mit seinem Tod unterstrich Michael Jackson seinen letzten Show-Titel This Is It und machte ihn dadurch endgültig. Er selbst aber hatte ja schon vor mehr als zehn Jahren sein Lebenswerk mit dem Album History abgeschlossen – und damals diesen Titel nicht umsonst gewählt. Michael fand, dass er in den 1970er und 1980er Jahren Pop-Geschichte schrieb, und zog sich als „King of Pop“ danach Ende der 1990er Jahre ins Privatleben zurück, um nur noch hin und wieder wie ein König seinen Fans zuzuwinken. Sein letztes 2001er-Album Invincible, mit dem er schon im Titel klarstellen wollte, dass er „unbesiegbar“ sei, trotz aller Klagen und Anschuldigungen gegen ihn, war – gemessen an den geschätzten Produktionskosten von 30 Millionen Dollar – ein Flop. Doch es liegt in der Natur der Business-People, dass sie Geld machen wollen, und es gelang ihnen, Michael zu einer Comeback-Show in London zu überreden – doch nicht nur zu einer einzigen, sondern gleich zu einer Serie von 50 Konzerten. Und weil es Michael Jackson war, der da auf die Bühne zurückkehren sollte, musste dieses Comeback an Gigantomanie alles überbieten, was die Welt bis jetzt gesehen hatte. Nun stand der Mann, der mit History für sich sein Lebenswerk schon vollendet hatte, vor der Herausforderung, größer zu sein, als er selbst es jemals war. Wie singt und tanzt man Songs wie Billie Jean, Thriller oder Beat It, die auch schon als Videos in den 1980er Jahren größer waren als das Leben, im Jahr 2009? Elvis Presley blieb dieses Problem erspart, denn er starb schon mit 42. Aber Michael Jackson musste dieser Aufgabe ins Auge blicken – mit 50.
Doch die Geschichte von Michael Jackson beginnt nicht erst im Jahr 1958, als er in Gary im US-Bundesstaat Indiana zur Welt kam. Sie beginnt viel früher, und dort, wo die Geschichte vieler Afroamerikaner anfängt: auf den Baumwollfeldern der amerikanischen Südstaaten, wo ihre Vorfahren als Sklaven schuften mussten. Michael ist der Nachkomme eines von seinen weißen Besitzern zynisch „Prince Screws“ genannten schwarzen Sklaven aus Alabama, dessen Sohn „Prince Screws Jr“ sich nach dem Bürgerkrieg und der Sklavenbefreiung eine kleine Farm kaufte. Und dessen Sohn Prince Screws III ging wie viele andere befreite Sklaven auch nach Indiana, also in den industrialisierten Norden der USA, wo es mehr Jobs gab. Sein Enkel Michael Jackson sollte dann in den 1980er Jahren als einer der ersten schwarzen Entertainer überhaupt auch das bis dahin immer noch von Weißen dominierte Show-Business erobern. Er verband dabei weiße und schwarze Show-Biz-Traditionen: Den Tanzstil von Fred Astaire und Gene Kelly, von dem er auch die weißen Socken und zu kurzen Hosen abschaute, die Kelly trug, damit man seine Tanzschritte besser sehen konnte, den Hut von Frank Sinatra, und die Liedtechnik von Stevie Wonder mit der Stimme von Diana Ross. Michael schaffte es als erster Schwarzer, so groß zu werden wie die amerikanischen Pop-Götter des Entertainment-Himmels, die immer weiß waren. Weil Elvis als „King of Rock & Roll“ bezeichnet wurde, nannte er sich „King of Pop“ – und heiratete seine Tochter mit der Message: Der King von heute krönt sich zum absoluten König, weil er die Tochter des toten Königs zur Frau nimmt. Doch diesen einmaligen Erfolg, auf den er als Schwarzer hätte stolz sein können, nahm sich Michael, indem er mit Hilfe von Schönheitschirurgen versuchte, immer mehr wie ein Weißer auszusehen. Auf die erste Nasenoperation folgten weitere und seine Haut wurde immer bleicher. Nach der Scheidung von Elvis‘ Tochter ehelichte er eine andere Weiße, Debbie Rowe – und er adoptierte weiße Kinder, die er „Prince“ taufte, also „Prinz, Fürst, Landesherr“ – er gab ihnen jenen Namen, den seine Sklaven-Vorfahren von ihren weißen Eigentümern als Verhöhnung ihres Status bekommen hatten. Ein Triumph mit viel Ironie, die noch vergrößert wurde durch die Isolation und Paranoia, in die Michael durch seine Vorliebe für Kinder getrieben wurde. Hat er sie nun sexuell belästigt oder wollten ihn deren Eltern nur um ein paar Millionen Dollar erleichtern? So oder so, die Anwälte kosteten eine Menge Geld und Michael schlitterte in die Finanzkrise. Da erschien ihm die Möglichkeit, mit den 50 Shows in der Londoner O2 Arena 70 Millionen Dollar zu erwirtschaften, als Rettung in letzter Not. Doch die, die ihn kannten, glaubten, dass er höchstens ein oder zwei Shows durchgehalten hätte. Michael, so sagen sie, war ein zu kranker Mann. Mit Hilfe von Medikamenten pushte er sich hoch – und bezahlte dafür den hohen Preis des frühen Todes. Gedopt lief er bei den Proben dann noch einmal zur Höchstform auf und wuchs vielleicht sogar über sich selbst hinaus: zum besten Michael Jackson, den es je gab. Der Konzertfilm This Is It wird es zeigen.
GOTTFRIED DISTL


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